Der Gipfelrausch kommt erst am Boden

Fünfzig Meter vor dem Gipfel des Nanga Parbat hat Josef Lunger ans Umkehren gedacht. 16 Stunden Aufstieg vom Basiscamp stecken ihm und den Mitgliedern seiner Expedition zu diesem Zeitpunkt in den Knochen, mehr als zwei Wochen sind sie bereits unterwegs – so viel Zeit mussten sie einplanen, um sich an die Luftverhältnisse vor Ort zu gewöhnen. Eine knappe halbe Stunde müsste Lunger noch kraxeln, um ganz oben, auf 8125 Metern Höhe, zu stehen. Es ist minus 20 Grad kalt, die Luft ist dünn, jeder Schritt dauert eine gefühlte Ewigkeit, schon das Schnürsenkel binden bringt ihn außer Atem. „Und wenn wir einfach auf dem Gipfelplateau umkehren“, fragt der junge Arzt seine Kollegen. Die Antwort der anderen ist kurz: „Der Nanga Parbat hat kein Gipfelplateau.“ Außerdem: Der Gipfel ist der Gipfel.

Lunger kämpft. Wenig später steht er ganz oben, es ist sein erster 8000er. Nur etwa 250 Leute standen vor ihm auf der Spitze dieses Berges im äußersten Norden Pakistans. Als der junge Arzt, der sich seit Jahresbeginn in der Cannstatter Sportklinik zum Orthopäden und Unfallchirurgen ausbilden lässt, oben steht, ist er glücklich. „Doch dann kommt schnell der Gedanke, dass das nur die halbe Miete ist“, sagt der 30-Jährige. Die meisten Unfälle ereignen sich beim Abstieg, wenn man euphorisch vom Gipfelsturm ins Tal zurückkehrt, wenn die Konzentration nachlässt. Doch die Tour verläuft erfolgreich. Acht Stunden später kommt Lunger wider im Basiscamp auf 4230 Metern an. Keiner braucht die Notfall-Sauerstoffflasche, Zehen und Finger sind in gutem Zustand. Kurz nach dem Abstieg spielt Lungers Expeditionsgruppe Fußball – es ist der Sommer 2008, in Europa ist gerade Fußball-Europameisterschaft. „Wir sind da zwar wie die Blöden herumgesprungen, aber Bäume haben wir keine mehr ausgerissen“, erinnert sich der Assistenzarzt heute.

Seit er 15 Jahre alt ist, zieht es Josef Lunger in – besser gesagt – auf die Berge. In seiner Familie wurde viel gewandert, doch irgendwann genügen ihm die elterlichen Touren nicht mehr. Lunger nimmt sich die Alpen vor, als ersten „richtigen“ Berg, also einen Berg über 6000 Meter Höhe, besteigt er 2000 den Chopicalqui in Peru. Die größte Herausforderung, die er vor dem Nanga Parbat genommen hat, war für ihn der Mount McKinley in Alaska. Nicht nur wegen seiner Höhe von knapp 6200 Metern, sondern wegen der arktischen Kälte. „Dagegen war es auf dem Nanga Parbat mit minus 20 Grad richtig warm“, sagt Lunger.

Doch nicht allein der Höhe wegen ist die Expedition auf das Dach des westlichen Himalaya für ihn eine Premiere. Zum ersten Mal reist er als Expeditionsarzt mit. „Stethoskop, Thermometer, Blutdruckmesser, ein paar Tabletten und natürlich meine Hände“, zählt er die ihm zur Verfügung stehenden Instrumente für die Reise auf. Vor Ort muss er allerdings weniger seine Expeditionskollegen als vielmehr die einheimischen Bevölkerung untersuchen. Die Nachricht, dass ein „dakter“ eine Expedition begleitet, macht die Runde. Teilweise eine Tagesreise nahmen die Kranken dafür auf sich. Lunger untersucht Frauen, die ihre Verschleierung nicht ablegen wollen („Das war dann etwas schwieriger“), teilt Tabletten gegen allgemeine Wehwehchen aus. Der nächste Berg ist bereits in Planung. „Ein 8000er-Sammler bin ich aber nicht“, sagt Lunger. „Ich habe kein Problem damit, wenn nötig kurz vor dem Ziel abzubrechen.“ Dazu entschließt er sich nur wenige Tage nach seiner ersten Besteigung des Nanga Parbat. Zusammen mit seinem Expeditionsleiter bricht er den Versuch ab, den Berg auch noch über eine andere Route zu erklimmen. Es hätte eine Erstbesteigung werden sollen, die Aufmerksamkeit der Fachwelt wäre ihnen sicher gewesen. „Die Witterung spielte nicht mit, das Essen wurde knapp“, sagt Lunger. Dafür gelang ihnen die Zweitbesteiung eines Nebengipfels. Auch nicht schlecht.

Der Nanga Parbat

Der Name Nanga Parbat geht auf die altindische Sprache Sanskrit zurück: Nanga-parvata bedeutet „nackter Berg". Er liegt im Westhimalaya, in äußersten Norden Pakistans. Mit 8125 Metern Höhe ist er der neunthöchste Berg der Erde. Die ersten Europäer, die den Nanga Parbat sahen, waren die Gebrüder Schlagintweit im Jahre 1854. Der Berg ging als „Schicksalsberg der Deutschen“ in die Geschichte ein. Erst 1953 gelang dem Österreicher Hermann Buhl die Erstbesteigung. 1970 kam Reinhold Messners Bruder Günther hier durch eine Lawine ums Leben.

Cannstatter Zeitung vom 5./6.12.2009

Von Annegret Jacobs