"Der Rücken ist eine Herausforderung"

Interview mit Prof. Dr. med. Andreas Veihelmann, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wirbelsäulentherapie e.V.

F: Sie sind ärztlicher Direktor der Rulandkliniken und leitender Arzt der Sektion Wirbelsäule in der Sportklinik Stuttgart. Wo begegnen Ihnen mehr Wirbelsäulenindikationen?
Prof. Veihelmann:
Die begegnen mir in allen drei Kliniken häufig. In den Reha-Kliniken vorwiegend chronische Rückenschmerzen zur konservativen Therapie und selten akut, in der Sportklinik muss häufig die Entscheidung erst noch getroffen werden, ob konservativ oder operativ therapiert wird.

F: Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe für diese Indikationen und lassen sich diese vermeiden?
AV:
Meist sind es degenerative Veränderungen, die mit Schmerzen einhergehen. Vermeiden ließen sich diese oft durch sportliche Betätigung des Patienten und Prophylaxemaßnahmen, die vom Arzt verordnet werden können, was aber häufig ausbleibt, da diese budgetiert sind. Dadurch können diese Verschleißerscheinungen symptomatisch werden.

F: Wie viele Menschen sind von Rückenschmerzen in Deutschland Ihrer Meinung nach betroffen und wie viele davon werden konservativ therapiert?
AV:
Chronische Rückenschmerzen sind in Deutschland auf dem Vormarsch. Leider werden allzu oft operative Maßnahmen ergriffen, weil die Zeit in einer Wirbelsäulensprechstunde sehr kurz ist und dann eher eine Entscheidung zugunsten einer Operation getroffen wird. Es müssten viel mehr Patienten konservativ behandelt werden, um langwierige postoperative Therapien zu vermeiden. Vor allem hier ist eine Unterscheidung zwischen echtem, verschleißbegründetem Schmerz und vorübergehender Störung wichtig.

F: Welchen Stellenwert hat die Therapie mit Rückenorthesen und –bandagen für Sie?
AV:
Gerade in zwei wichtigen Bereichen haben Sie einen sehr hohen Stellenwert: 1. Für die postoperative Ruhigstellung und Stabilisierung durch versteifte Orthesen, vor allem wenn der Spinalkanal eröffnet wurde. 2. Die „Mahnorthesen“, also Bandagen, dienen auch als Gedächtnisstütze, denn nach der OP darf der Patient 3-6 Wochen keine Rotationsbewegungen vollziehen. Da sind Bandagen vor allem bei langem Stehen und Sitzen sinnvoll. Das Vorurteil, dass Orthesen zu einer Muskelathropie führen, konnte in mehreren aktuellen Studien widerlegt werden.

F: Welche Eigenschaften sollte eine Rückenbandage haben, um die Behandlungserfolge sicherzustellen?
AV:
Sie sollte sehr leicht sein und aus einem elastischen, atmungsaktiven Material bestehen, um die Bewegungsfreiheit nicht einzuschränken. Der Tragekomfort ist wichtig, damit der Patient die Bandage auch wirklich trägt. Ein großer Nachteil kann eine Unverträglichkeit mit der Haut sein, da die Patienten die Bandage dann nicht anwenden.

F: Was sind Gründe für Sie, Rückenbandagen zusammen mit Elektrostimulation bei Ihren Patienten einzusetzen? Welchen Nutzen sehen Sie?
AV:
Die Compliance ist enorm wichtig. Daher ist der größte Vorteil dieser Therapie die Integration der Elektroden direkt in der Bandage, was dazu führt, dass der Patient diese auch einsetzt. Das Aufkleben der Elektroden ist oft für Patienten anders gar nicht möglich. Sie müssten dabei Rotationsbewegungen durchführen, die post-operativ nicht erwünscht sind.

F: Mach der Einsatz von Wärme-/Kältetherapie bei Rückenschmerzen Sinn?
AV:
Prinzipiell ja, aber das muss vom Patienten entschieden werden. Anders als beim Trauma ziehen Patienten häufig Kälte bei chronischem und Wärme bei akutem Rückenschmerz vor. Da ist Zusammenarbeit gefragt, um das Feedback des Patienten zu berücksichtigen.

F: Welche Maßnahmen empfehlen Sie, um präventiv Rückenschmerzen zu vermeiden?
AV:
Wir wissen, dass körperliche Bewegung und Fitness die wichtigsten Maßnahmen darstellen. Schonende Sportarten ohne Stoßbelastungen mit wenig Rotation und Extension sind vorzuziehen. Ansonsten kann ein isometrisches Krafttraining kombiniert werden.

F: Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach die Sanitätshäuser bei der Aufklärung der Patienten?
AV:
Eine sehr wichtige Aufgabe der Sanitätshäuser ist die beratende Funktion im Rahmen der vom Arzt verordneten therapeutischen Anwendungen und Hilfsmittel. Nur eine optimal angepasste Orthese kann den Therapieerfolg voll unterstützen. Eine gut funktionierende Zusammenarbeit zwischen Sanitätshaus und Arzt ist ein wichtiger Bestandteil einer optimalen Versorgung.

F: Was bewegt Sie persönlich dazu, sich dem Thema Rücken so intensiv zuzuwenden?
AV:
Der Rücken ist ein so komplexes Thema, dass es eine große Herausforderung ist, der Ursache von Rückenschmerzen auf den Grund zu gehen. Nach wie vor ist es ein Problem, und es gelingt uns auch nicht immer, die Ursache zu erkennen. Häufig werden Patienten operiert, bei denen eher psychische Ursachen vorliegen. Andererseits tun wir manchmal Patienten unrecht, die psychische Folgereaktionen auf Grund der Schmerzen zeigen. Dies gilt al interdisziplinär zu beleuchten und dieser Herausforderung stelle ich mich besonders gerne.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Prof. Veihelmann!


Zur Person

Prof. Dr. med. Andreas Veihelmann

- Profossor und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sportmedizin, Rheumatologie,
   Chirotherapie, Sozialmedizin

- Seit 2006 Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Orthopädie Ruland-Kliniken
- Seit 2010 Leitender Arzt Sektion Wirbelsäule Sportklinik Stuttgart
- Lehrtätigkeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München
- Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wirbelsäulentherapie e.V.
- Gutachter von zahlreichen internationalen Fachmagazinen
- Initiator des Projekts "Endosport - Sport mit Endoprothese"

in neurotech® Aktuell 16.04.2012, Ausgabe 2