Einsatz mit Händen und Füßen

"Der OP ist quasi mein Zuhause", sagt Ulrich Becker lächelnd. Zwischen vier und acht Operationen führt der Facharzt für Chirurgie, Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin jeden Tag in der Sportklinik in Bad Cannstatt durch. Ganz schön viel - und dennoch sieht der 50-Jährige jetzt am späten Nachmittag immer noch ganz entspannt aus. Was nicht nur an der noch vorhandenen Urlaubsbräune liegt: "Es macht mir Spaß", sagt Becker.

Angefangen hat alles 1979, als Becker sein Medizinstudium aufnahm. Mit Menschen zu tun haben wollte er und etwas Manuelles, Technisches machen. Künstlerisch begabt sei er nicht, dafür "fand ich immer faszinierend, wie unser Körper funktioniert", erzählt Becker.

Seine erste Stelle nach dem medizinischen Staatsexamen bekam er in der Unfallchirurgie der Universität Ulm. Viel gesehen, gelernt und sehr viel gearbeitet hat Becker dort. Schwerverletzten galt es das Leben zu retten oder Gliedmaßen zu erhalten.

War auch Grässliches darunter, so hätten die Erfolgserlebnisse bei weitem überwogen. Es folgten weitere Stationen und Weiterbildungen, Beckers Karriere nahm ihren Lauf.

Seit 13 Jahren ist Becker nun an der Sportklinik Stuttgart tätig, seit fünf Jahren in der Funktion des Leitenden Arztes und stellvertretenden Chefarztes.

Hier geht es nicht mehr um Leben und Tod, stattdessen hat es Becker vor allem mit Erkrankungen des Knies, des Schultergelenks und des Sprunggelenks zu tun.

Als Leitender Arzt übernimmt er in erster Linie die komplizierten Fälle.

Vor zwanzig Jahren habe man fast immer offen operiert, erzählt er. Heute funktioniere fast alles minimal-invasiv, also mittels Athroskopie. Einfach ausgedrückt: durch ein kleines Loch an der zu operierenden Stelle wird die Kamera geführt, durch ein zweites die nötigen Operationsgeräte.

Dass so eine Operation eine komplexe Angelegenheit ist, ist ohnehin klar - wird beim Besuch im Operationssaal aber erst wirklich deutlich. Hier steht der Athroskopie-Turm, dessen verschiedene Module jeweils die OP-Geräte wie Fräse und Co. steuern. Der Chirurg sieht auf dem Flachbildschirm an der Wand das von der Kamera übertragene Bild aus dem Körperinneren - und ist beim Operieren nicht nur mit beiden Händen zugange, sondern sogar mit den Füßen. Ein bisschen wie beim Orgelspielen, nur dass mit den Füßen das so genannte Shaverblade bedient wird, mit dem zum Beispiel die Geschwindigkeit der Fräse gesteuert wird.

Technik die begeistert. Schon ohne die LED-Beleuchtung, mit welcher der OP nach Belieben in blaues, grünes oder sonst ein Licht getaucht werden kann.

Technik, die auch zeigt, was der moderne Fortschritt in der Medizin alles möglich macht. Und Technik, die von den Ärzten erfordert, sich kontinuierlich weiterzubilden, um am Ball der Innovation zu bleiben. "Wir lernen immer dazu, so wird mir nie langweilig", meint Becker. Auch nicht bei der x-sten Kreuzbandoperation, von denen er rund 150 pro Jahr durchführt. Trotz Routine darf kein Schlendrian einreißen: "Ich sage immer: Stellt euch vor, ihr würdet hier liegen - so müsst ihr operieren", sagt Becker. Trotzdem gibt es natürlich auch entspanntere Phasen bei einer Operation und dann "kommt auch mal die OP-Schwester rein und erzählt die neusten Witze", erzählt Becker lächelnd.

Was Becker an seinem Beruf so liebt, ist neben dem "Handwerklichen" auch das Gefühl, direkt zu erleben, wie er einem verletzten Menschen helfen konnte: "So viele positive Rückmeldungen bekommt man sonst nicht im Arztberuf", weiß er aus Erfahrung. In die Sportklinik kommen Menschen, denen beispielsweise das Knie wehtut - und nach der Operation freuen sie sich, dass sie wieder Fußball spielen können.

Obwohl Becker sich an seinem Arbeitsplatz wohlfühlt und seinen Arbeitsstress zu 90 Prozent als positiv empfindet, ist es auch irgendwann einmal genug. "Wenn ich nach einem langen Tag nach Hause komme, bin ich froh, wenn meine Kinder mit mir Tischtennis spielen", erzählt er. Die privaten Erholungsphasen mit seiner Frau und den beiden Kindern sind ihm ausgesprochen wichtig. "Wir machen viel Sport zusammen", erzählt er. Ski fahren, mountainbiken, joggen durch den Höhenpark, surfen - die Liste nimmt kaum ein Ende. Zumal Becker ohnehin jeden Tag mit dem Fahrrad von seinem Zuhause im Stuttgarter Norden zur Cannstatter Klinik und zurück fährt. Jetzt gönnt sich Becker erstmal ein langes Wochenende - und geht mit seiner Familie im Kleinwalsertal wandern.

Laura Köhlmann - Stuttgarter Wochenblatt
15.09.2010