Erkrankungen in luftiger Höhe

von Josef Lunger

Neben der Behandlung typischer Erkrankungen wie Gastroenteritis, Kälteschäden, Sonnenstich, Schneeblindheit etc. trägt vor allem der Faktor Höhe und die erschwerte medizinische Erreichbarkeit zur medizinischen Problematik beim Höhentrekking und Expedition bei.

Höhe

Der atmosphärische Druck halbiert sich ungefähr je 5.000 Meter Aufstieg. Da die Zusammensetzung des Gasgemisches Luft unabhängig vom Druck ist, fällt entsprechend auch der Sauerstoffpartialdruck. In mittlerer Höhe (1.500 m-2.500 m) erfährt der Körper eine sofortige, ausreichende Anpassung. Große Höhen (2.500 m-5.300 m) bedürfen einer Akklimatisation. In extremen Höhen (5.300 m-8.848 m) ist eine dauerhafte Anpassung nicht möglich und führt zwangsweise zu körperlichem und psychischem Abbau. Die Höhenakklimatisation ist dabei unabhängig vom Status der körperlichen Fitness und unterliegt starken interindividuellen Schwankungen. Die sofortige Höhenadaptation findet durch eine vermehrte Atmung (HVR = hyperventilatoric response) und die sympathikoton bedingte Zunahme des Herzminutenvolumens sowie Herzfrequenz statt. Die vollständige ventilatorische Anpassung ist erst nach ca. 2 Wochen erreicht. Aktuell geht man davon aus, dass die HVR die interindividuellen Unterschiede zwischen „Schnell- und Langsam- Akklimatisierern“ bedingt. Die zeitverzögert nach 2-3 Wochen zum Tragen kommende Anpassung des Blutes findet über eine durch erhöhte Diurese erreichte Hämokonzentration und die noch später wirkende zusätzlich gesteigerte Erythropoese statt. Hierbei zeigen aktuelle Studien, dass sich die niedrigdosierte Gabe von Carboanhydrasehemmern positiv auf die Akklimatisationsphase auswirken kann.

Höhenkrankheit – HAPE – HACE

Die gefährlichsten Erkrankungen stellt neben dem akuten Trauma durch ­Lawine, Steinschlag oder Sturz das Gehirnödem (HACE = high altitude cerebral oedema) sowie das Höhenlungenödem (HAPE = high altitude pulmonary oedema) dar. Die jeweiligen Leitsymptome sind Ataxie (HACE) und plötzlicher Leistungsabfall (HAPE). Beide Erkrankungen haben viele weitere fakultative Erscheinungsformen, die eine schleichende Entstehung oft schwierig erkennen lassen. Die milde akute Höhenkrankheit AMS (acute mountain sickness) wird durch einen Höhenkopfschmerz charakterisiert.

AMS, HAPE und HACE entstehen durch einen zu schnellen Aufstieg in große Höhe ohne entsprechende Akklimatisation. Während bei ausgeprägten Formen die Diagnose recht eindeutig ist, sind meist die unspezifischen Symptome des Krankheitsbeginns schwierig zu erfassen. Die beste Therapie ist der Abstieg. Hierbei zeigt ein Abstieg von mind. 500 Hm eine Besserung. Die den Abstieg unterstützende Therapie des HAPE besteht in der Gabe eines Calziumblockers (Nifedipin), der eine Erniedrigung des pulmonalerteriellen Druckes und eine bessere Oxygenierung des Blutes in der Lunge bewirkt. Die Symptome des HACE sprechen auf eine Gabe von Dexamethason (Cortison) an, das vermutlich die Blut-Hirn-Schranke stabilisiert. Bei Unklarheit empfiehlt sich die Kombination aus Nifedipin, Dexamethason, Sauerstoffgabe und, sofern erreichbar, die Verwendung eines Überdrucksacks. Bei diesem wird ein Patient in eine „Gummihülle“ gelegt, die mit Überdruck aufgeblasen wird, was einem Druckanstieg und somit einem Abstieg in niedrigere Höhe entspricht. Neue Entwicklungen verwenden hierzu eine leichtere Version mit einer alleinigen Überdruckhaube für den Kopf.

Behandlung in der Praxis

Oft steht den wissenschaftlichen „state-of-the-art“ Therapieempfehlungen die Praxis konträr gegenüber. Die erste Hürde bildet die Diagnosestellung. Dort spielen v. a. auch viele gruppendynamische Faktoren eine Rolle. Auf einer Trekkingroute ist es für Teilnehmer oft schwierig, eine „Schwäche“ einzugestehen und „die Gruppe am Erfolg zu hindern“. Die finanziellen Ausgaben, der lang ersehnte Traumberg und der eigene Erfolgsdruck sind nur einige Gründe, die bereits beim Trekking den rationellen Blick sowohl des betroffenen Teilnehmers als auch der ihn zu „beurteilenden“ Gruppe verklären lassen können. Während beim Trekking weitere objektive Messungen wie z. B. die Messung der Sauerstoffsättigung, der Temperatur oder die Auskultation der Lunge möglich ist, gerät die apparative Diagnostik außerhalb des schützenden Lagers spätestens ab einer Höhe von 7.000 Meter in den Hintergrund. Bei widrigen Bedingungen und Zeitdruck wird kaum das Stethoskop gezückt, sofern im Rucksack dabei, um die Rasselgeräusche der Lunge bei HAPE auszukultieren. Die Verlässlichkeit des Fingeroxymeters ist bei kalten Fingern und Batterien fraglich. Die Diagnose wird zumeist aufgrund von Anamnese und insbesondere der Einschätzung des Arztes getroffen. Oft streut sich eine Gruppe in dieser Höhe über eine breitere Wegdistanz und lässt somit für den Arzt oder Leiter nicht immer den vollen Überblick über den aktuellen Zustand der Teilnehmer zu. Obwohl mittlerweile jeder Teilnehmer auf Expedition ein eigenes Funkgerät besitzt, ist dies aus Batteriespargründen meist nicht auf Standby geschaltet. Es sind Funkzeiten vereinbart. Informationen kommen somit verspätet an. Nun kommt es bei Ankunft von Informationen auf eine prompte, rationelle Einschätzung der Lage und vor allem auf die kompromisslose Umsetzung der Konsequenzen an. Bei beginnendem Gehirn- oder Lungenödem führt eine „schauen wir mal“ Einstellung und Aufstieg zum Gipfel zu weiterer Aggravation der Symptome und macht den selbständigen Abstieg unmöglich. Schwierig ist ebenso die Einschätzung der Urteilsfähigkeit. Nicht selten schätzen Patienten mit einem beginnenden Gehirnödem ihren Gesundheitszustand selber zu positiv ein und bestehen, manchmal beharrlich, auf den weiteren Aufstieg oder darauf, nicht begleitet zu werden. So kann es passieren, dass der alleine absteigende Bergsteiger mit einem beginnenden Gehirnödem aus irrationeller Entscheidung seinen Abstieg abbricht und nochmals Richtung Gipfel geht oder euphorisch halluzinierend sich in extreme Gefahr begibt. In diesem Falle ist das Überleben oft nur ein Zufall. Aus diesem Grund empfiehlt es sich eher eine „Übertherapie“, als die Verschleppung von Entscheidungen. Der Erfolg der Therapie schwerer Traumata ist hingegen, fast einzig, von der Möglichkeit und Schnelligkeit eines Abtransportes abhängig.

Fazit

Trotz des heutigen hohen Standards (Satellitentelefon, große Apotheke, Hubschrauberrettung, bessere Ausrüstung) sind die Rettungsmöglichkeiten im Trekking und auf Expedition sehr limitiert. Dies macht eine frühzeitige und konsequente Behandlung notwendig. Dabei ist der Abstieg um ca. 1.000 Hm die beste Therapie aller Erkrankungen in der Höhe, ungeachtet dessen ob höhenbedingt oder nicht.

Josef Lunger

Nach einer breiten chirurgischen Ausbildung in einem Akutkrankenhaus in München ist Josef Lunger im sporttraumatologischen Bereich an der Sportklinik Stuttgart tätig. Neben zahlreicheneigenen Besteigungen und Trekkingaktivitäten sowie Führungen als Tourenleiter des DAV (Deutscher Alpenverein) betreute er zuletzt als Arzt und Teilnehmer die Nanga-Parbat-Expedition 2008.

Gerhard Bauer

Ist seit 1997 Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Sportklinik Stuttgart. Er ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, spezielle Unfallchirurgie, Sportmedizin und Physikalische Medizin. Dazu ist Prof. Bauer u. a. Leiter der Arbeitsgemeinschaft Sporttraumatologie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS).

http://www.medicalsportsnetwork.de/medical/1828/Josef-Lunger.html