Reflextraining schützt vor dem Umknicken

Interview: Professor Gerhard Bauer, Chefarzt der Sportklinik

Bad Cannstatt – Das 8. Symposium Sporttraumatologie in Praxis und Klinik, das von der Sportklinik heute organisiert wird, geht diesmal rund um das Thema „Sport und Fuß“. Ein gesunder Fuß sei wichtig, sagt Professor Dr. Gerhard Bauer im Gespräch mit unserem Sportredakteur Torsten Streib, schließlich sei er das Fundament des Körpers.

Herr Bauer, gesunde Füße bekommen sie in Ihrem Beruf selten zu sehen. Was sind die häufigsten Verletzungen, die in der Sportklinik behandelt werden?

Gerhard Bauer: Bänderverletzungen am Sprunggelenk sind führend, hervorgerufen vor allem durch Umknicken. Aber auch durch Überlastungen kommt es vermehrt zu Ermüdungsbrüchen, nicht nur bei Spitzensportlern.

Man hört viel über Ermüdungsbrüche, sowohl im Spitzen- als auch im Breitensport. Was ist das konkret?

Bauer: Ein Ermüdungsbruch entwickelt sich durch ein Missverhältnis zwischen dem, was man dem Körper beziehungsweise dem Fuß zugemutet wird und dem was er im Stande ist zu leisten. Es findet dabei ein schnellerer Abbau als Aufbau der Knochensubstanz statt. Der Knochen wird bei anhaltender Belastung immer dünner und bricht im schlimmsten Falle irgendwann.

Wie deutet sich ein Ermüdungsbruch an und wie kann man ihn vermeiden?

Bauer: Es gibt eindeutige Anzeichen von Überbelastung. Wenn man beim Sporttreiben ohne ersichtlichen Grund Schmerzen im Fuß hat, die nicht wieder verschwinden, dann sollte man die Belastungsdauer oder den Belastungsumfang verändern. Sollte man dann schmerzfrei sein, kann das ganze wieder gesteigert werden. Sollten die Schmerzen selbst bei einer längeren sportlichen Pause nicht weg gehen, dann sollte man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.

Die häufigsten Verletzungen am Fuß, sagten Sie, sind Bänderverletzungen am Sprunggelenk, oft hervorgerufen durch Umknicken, beispielsweise per Schubser eines Gegenspielers. Kann man sich durch Tapen schützen?

Bauer: Tapen ist sicherlich eine Möglichkeit, die aber nur teilweise Schutz vor erneutem Umknicken bietet, wenn die Bänder schon ausgeleiert sind. Denn nach maximal einer Stunde müsste das Tape erneuert werden. Zudem muss es fachmännisch angelegt werden und über dieses Wissen verfügen im Freizeit- und Breitensport wohl die wenigsten.

Was würden sie als Prophylaxe empfehlen?

Bauer: Ein regelmäßiges Reflextraining. Durch das Üben auf unebenen Böden oder Wackelbrettern verkürzt sich die Dauer der Meldung ans Gehirn und die Reaktionszeit des Fußes wird schneller. So kann er beispielsweise beim Fußball schneller bei einem Tritt in ein Loch im Rasen gegensteuern, mögliche Verletzungen verhindern oder mindern. Am besten wäre es, wenn man vor Beginn des Trainings, sei es beim Laufen oder bei Ballsportarten, regelmäßig das ganze Jahr über Reflextraining durchführt. Aber auch in Fitnessstudios oder Bewegungszentren von Vereinen gibt es geeignete Geräte.

Der Fuß ist der unterste Teil des Körpers. Er muss enorme Lasten tragen. Welche Kräfte wirken auf den Unterbau?

Bauer: Die Füße sin die Stützpfeiler des Körpers und müssen große Lasten tragen. Beim Gehen müssen die Muskeln, Gelenke, Bänder und Sehnen das zwei- bis dreifache des Körpergewichts aushalten. Je nach Tempo beim Joggen kann das vier- bis sechsfache des Körpergewichts auf den Fuß wirken.

Dementsprechend ist es wichtig, dass alle Dinge, die für einen gesunden Fuß zuständig sind, wie Sehnen, Bänder, Gelenke und Knochen, in Ordnung sind und gut miteinander arbeiten.

Bauer: Sicherlich. Jedoch macht einem gesunden Fuß die Last nichts aus. Im Gegenteil, sie ist notwendig, fördert die Ernährung des Knorpels und die Knochenfestigkeit.

Dafür soll barfuß laufen auch geeignet sein.

Bauer: Stimmt. Neben der Massage, die der Fuß erfährt, werden die Fußmuskeln trainiert. Vor allem im Sand empfiehlt sich barfuß zu laufen. Das ist zwar etwas mühsam, aber sehr effektiv und förderlich für einen gesunden Fuß.

Nun können Defizite im Fuß bereits im Kindesalter auftreten und sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen. Worauf sollten Eltern achten beziehungsweise wie können sie herausfinden, ob der Gang ihres Sprösslings in Ordnung ist?

Bauer: Eine gute Methode, um herauszufinden, ob mit dem Gang des Kindes alles in Ordnung ist, ist der Vergleich mit Gleichaltrigen. Ergeben sich Auffälligkeiten oder deutliche Unterschiede, sollte man einen Fachmann aufsuchen.

Und wenn dies ignoriert wird?

Bauer: Dann kann es bei der Entwicklung zu Problemen im ganzen Körper wie an der Wirbelsäule oder an der Hüfte kommen, die später umso schwieriger zu beheben sind.

Cannstatter Zeitung vom 12./13.12.2009