Sport ist die sinnvolle Vorbeugung gegen Rückenschmerzen

Volkskrankheit Rückenschmerzen. Claudia Leihenseder hat sich mit dem Sportmediziner Professor Andreas Veihelmann von der Sportklinik Stuttgart darüber unterhalten.

Sind wir Menschen falsch gebaut oder wieso haben wir so oft Rückenschmerzen?

Nein, wir sind wunderbar gebaut. Es ist das Falscheste zu behaupten, dass die Evolution uns nicht gut gebaut hat, auch wenn manche Wissenschaftler meinen, der aufrechte Gang sei Schuld an den vielen Rückenproblemen.

Was sind die Ursachen?

Die erste Ursache ist mangelnde Bewegung und eine ungesunde Lebensart. Damit meine ich nicht nur die Ernährung, sondern das viele Sitzen. Das heutige Medienkonsumverhalten führt zu Problemen, die vor 100 Jahren nicht vorhanden waren. Normaler Verschleiß ist ebenfalls eine wichtige Ursache. Die Wirbelsäule altert wie der ganze Körper.

Und was ist mit angeborenen Problemen?

So etwas ist selten. Probleme wie ein Hohlkreuz oder die S-Verkrümmung der Wirbelsäule machen vier bis fünf Prozent unserer Spezial-Rückensprechstunde aus.

Kann man also immer sagen, woher die Beschwerden kommen?

Nein, bei 80 Prozent der Patienten muss diese Frage ungeklärt bleiben. Es gibt ein großes Ursachenfeld, bei dem allerdings die psychische Komponente eine maßgebliche Rolle spielt. Die Wirbelsäule ist ein Organ, das sich unter psychischer Last buchstäblich krümmt und Schmerzen bereitet. Herz und Magen sind als Stressorgane akzeptiert, die Wirbelsäule allerdings nicht.

Welche Auswirkungen kann denn die Psyche auf die Wirbelsäule haben?

Sie trägt ihren Teil zu Wirbelsäulenproblemen bei. Nur als Beispiel: Wenn ein Mensch steht und negative Gefühle hat, lässt er sich im wahren Wortsinn hängen und steht ohne Spannung da. Nur die Bänder halten ihn. Doch wenn er positiv dasteht, sind Bauch und Rumpfmuskulatur angespannt. Die Wirbelsäule wird geschont.

Können sich Kinder durch zu schwere Schulranzen für ihr Leben schädigen?

Natürlich muss man darauf achten, dass das Gesicht des Schulranzens nicht überproportional zum Gewicht des Kindes steht. Aber ob es dadurch zu ernsthaften Erkrankungen kommt? Wahrscheinlich nicht. Die Ängste der Eltern sind da zu groß. Es kann aber zu akuten Rückenschmerzen führen, wenn die Kinder zu ft zu schwer tragen müssen. Kinder Trollys halte ich allerdings für übertrieben.

Wenn jemand auf einmal Rückenschmerzen bekommt, was kann er dagegen tun?

Das Wichtigste ist, in Bewegung zu bleiben. Vor fünf bis acht Jahren gab es ein komplettes Umdenken. Musste ein Patient mit Hexenschuss früher das Bet hüten, wird heute leichtes Spazierengehen angeraten. Das ist das Beste, was man machen kann. Dazu noch Gymnastik und Dehnübungen. Man darf auf keinen Fall Angst vor den Schmerzen im Rücken haben und jegliche Bewegung meiden. Im Gegenteil.

Wie sieht eine sinnvolle Vorbeugung aus?

Einfach Sport treiben, am besten individuell angepasst. Wer sich nicht sicher ist, kann sich vom Arzt beraten lassen. Wer keine Probleme hat, kann jede Sportart machen.

Was bringen Fitnessstudio oder Kiesertraining?

Beides ist sicher sinnvoll, aber man sollte zunächst unter Anleitung trainieren. Kieser hat nicht die besseren Geräte, aber Physiotherapeuten, die das Training begleiten. Für die Prophylaxe ist es egal, wohin ich gehe. Als Rückenpatient sollte man sich physiotherapeutische Übungen und Krankengymnastik an den Geräten zeigen lassen.

Und was ist mit Übungen mit der Wii?

Die Wii ist sicherlich eines der Computerspiele, das mit Einschränkungen Sinn hat, weil man gezwungen ist, Bewegungen auszuführen. Es ist aber definitiv kein Ersatz für Sport. Die Wii balance boards ähneln den Wackelboards aus der Reha und sind genauso gut. Deswegen will ich sie so bald wie möglich in unserer Reha einsetzen.

Welche Trainingsmethoden sind am besten?

Das kann man so nicht sagen. Am besten ist ein gesunder Mix zwischen Ausdauer- und Kraftsportarten. Viele denken, dass man bei Rückenschmerzen den Rücken trainieren muss, aber den Bauch sollte man dabei nicht vergessen.

Kann Training auch schaden? Von welchen Sportarten oder Bewegungen raten Sie ab?

Stoßbelastende Sportarten sind für die Wirbelsäule nicht gut. Nordic Walking ist besser als Joggen. Sehr belastend sind Drehbewegungen mit einer Überstreckung der Lendenwirbelsäule wie sie in Kampfsportarten vorkommt. Aber auch beim Golf, wenn man einen Schlag ausführt, gibt es diese Rotationsbewegung gekoppelt mit einem Strecken. Golfende Rückenpatienten rate ich deswegen, zusätzlich Kraftsport zu treiben. Das gilt für alle Wirbelsäulen belastenden Sportarten wie Joggen, Tennis oder Basketball. Wenn das Reiten richtig gemacht wird, dann ist das auch sogar eine zu empfehlende Sportart.

Was bringen Akupunktur und Massagen?

Ich war ein Gegner der Akupunktur, habe aber viele Erfolge gesehen. Studien zeigen, dass Akupunktur anscheinend generell hilft. Es ist sogar egal, wo man die Patienten sticht. Massagen helfen in meinen Augen bei muskulären Ursachen. Sie tun sogar jedem Patienten gut. Allerdings werden sie zu häufig aufgeschrieben und tragen nicht immer zur Heilung bei.

Wann muss bei Rückenbeschwerden der Arzt einschreiten?

Wenn der Schmerz länger als zwei bis drei Wochen anhält und durch leichte Bewegung nicht in den Griff zu bekommen ist, sollte ein Arzt aufgesucht werden. Der entscheidet dann im Einzelfall, wie die Therapie aussieht.

City Extra, Nr. 2

24.02.2010

Zur Person:

Professor Andreas Veihelmann ist 43 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Stuttgart. Seit Juli 2009 leitet der Facharzt für Orthopädie, Rheumatologie, Sportmedizin, Chirotherapie und Akupunktur die Sektion Wirbelsäule an der Sportklinik Stuttgart. Zudem ist er ärztlicher Direktor und Chefarzt der Orthopädie an den Ruland-Kliniken in Bad Herrenalb und Waldbronn und ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wirbelsäulentherapie.